Kirschblüte der Dunkelheit

Jun 8th, 2008 | By Chaya | Category: Chaya, Storys

„Kirschblüte der Dunkelheit“

I – Erschöpfung

Der Regen begann langsam, ihm den letzten Rest Wärme seines Körpers zu entziehen. Durchnässt war er bereits seit Stunden. Anfangs war es ein warmer Sommerregen gewesen, der ihn an den Sommerregen im Norden Spaniens erinnert hatte. Doch dann hatte er erkennen müssen, dass die Regenzeiten im Westpazifikgebiet keineswegs mit den Witterungsbedingungen in seiner weit entfernten Heimat vergleichbar waren.

Nicht zum ersten Mal seit Beginn seiner Reise sehnte er sich nach Spanien zurück. Doch würde er nicht zurückreisen können, bevor er seinen Auftrag nicht erfüllt hatte. Rafael seufzte tief. Er lehnte sich noch näher an die kalte Mauer. So tropfte ihm wenigstens kein Regen mehr von der Dachrinne ins Gesicht. Es schien aussichtslos zu sein. Seit Tagen lungerte er in diesem Hinterhof herum. Selbst heute, bei stärkstem Regen, verließ er seinen Posten nicht. Die Aufgabe, die anfangs wie eine Herausforderung ausgesehen hatte, nervte ihn zusehends. Er wollte nur noch den Vampir töten und dann zurück fahren. Rafael de la Coruña würde seine Ehre verlieren, erfüllte er nicht den Wunsch seines Herren.

Die Straßen der kleinen Stadt waren wie leergefegt. Kein Mensch wagte sich bei diesem Wetter hinaus. Sie waren auf die Regenzeiten eingestellt, wussten, wie man sich verhielt. Jeder, der konnte, hatte sich ein trockenes Plätzchen gesichert. Der Spanier spürte wie seine Erschöpfung immer größer wurde. Wie er zusammensank und in einer Pfütze zu liegen kam, spürte er nicht …

II – Erwachen

… währenddessen erhob sich ganz in der Nähe ein menschengroßer Schatten, trat hinaus in das Dämmerlicht. Ein Flügelschlag. War es wirklich nur einer? Es klang, als würden sich hunderte von Vögeln in die Luft erheben. Jedoch war das danach erklingende Lachen eindeutig menschlicher Natur. Nur für kurze Zeit waren die Umrisse seines Körpers und seiner Flügel zu erkennen, dann verschmolz der Grauton mit dem dunkelschwarzen Firmament.

III – Erbitterung

Ein Sonnenstrahl kitzelte ihn an der Nase und brachte ihn dazu, die Augen aufzuschlagen. Eine Minute verging, bis Rafael sich orientieren konnte. Dann wurde ihm schlagartig bewusst, was geschehen war. Er hatte seinen Auftrag ausführen wollen, hartnäckig im stärksten Regen gelauert und war eingeschlafen? Entrüstet sprang er auf. Das durfte nicht passieren! Hastig versuchte er, den Schmutz an seiner Kleidung zu entfernen, doch es gelang ihm nicht. Der Tag hatte bereits begonnen, die Sonne stand hoch am Himmel und im Hafenviertel herrschte reges Treiben. Eine Gruppe Fischverkäuferinnen stand beisammen und schien über ihn zu reden. Als er sich ihnen näherte, verstummten sie. Missmutig machte Rafael sich auf den Weg in die Stadtmitte. Er wollte sehen, ob er im Gasthaus noch ein kräftiges Frühstück bekommen würde.

Als er den Markt erreichte, drängelte er sich rücksichtslos durch die Menge. Nichts konnte ihn dazu bringen, eine Sekunde inne zu halten. Weder die Kinderaugen, die hilflos zu ihm aufsahen, die kleinen Hände die sich ihm entgegenstreckten und um eine milde Gabe baten, noch das leicht bekleidete Mädchen mit der bronzefarbenen Haut dass ihn an der Schulter fasste um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Als er jedoch den Zeitungsjungen die neusten Schlagzeilen verkünden hörte blieb er ruckartig stehen. „Neues Mordopfer der blutsaugenden Bestie im Hafenviertel! Kein Ende der Gräueltaten in Sicht! Tote Frau ohne Blut in den Adern gefunden! Eine Familie gestern verschwunden!“ Rafael schluckte. Sein Misserfolg der letzten Nacht fraß sich nicht nur in seinem Inneren immer tiefer und ließ ihn sein Versagen erkennen – nein, auch hier wurde er damit konfrontiert, dass er versagt hatte. Er musste diesen Vampir fangen! Schnell drückte er dem Zeitungsjungen eine Münze in die Hand und entriss ihm eine Ausgabe des Morgenblattes. Damit stürmte er in sein Gasthaus und kam erst zur Ruhe, als er einen dampfenden Tee vor sicht hatte. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen schlug er die erste Seite der Zeitung auf.

„Weitere blutleere Opfer“ lautete die Überschrift. Der Artikel berichtete davon, wie bereits seit Monaten Menschen auf der kleinen Pazifikinsel verschwanden. Den Anfang sollte es angeblich genommen haben, als die spanischen Kolonisten die Insel erreicht hatten. Rafael schüttelte den Kopf. Unmöglich, diese Frechheit! Den Einwohnern von Calbayou sollte jemand Benehmen beibringen! – Er murmelte vor sich hin, las jedoch weiter. Noch gab es keine Beschreibung des Übeltäters. Jeder, der ihm nahe gekommen war hatte keine Gelegenheit mehr, über den Angreifer zu berichten – denn bisher hatte niemand überlebt. Sicher war, dass sich das Geschöpf mit Vorliebe des Nachts an seine Opfer wagte.

IV – Erinnerung

Wenn er, Rafael de la Coruña, den Blutsauger nicht finden und pfählen könnte, dann könnte es wohl niemand. Sein Herr und Meister hatte ihn nicht ohne Grund engagiert. In Spanien galt Rafael als der Vampirjäger schlechthin. Er hatte bereits fünf Vampiren das Leben aushauchen können, wenn man das in diesem Fall so sagen kann. Doch damals hatte er es mit ihm bekannten Wesen zu tun gehabt. Sie waren leicht zu überlisten gewesen. Viel war nicht zu tun. Nur rechtzeitig mit einem Holzpflock am richtigen Ort stehen. Dass die Mission in Übersee weitaus schwieriger werden könnte, hatte Rafael nicht erwartet. Doch er durfte nicht aufgeben. Sein Meister würde ungeahnte Strafen walten lassen, sollte ihm ein Stück für seine Sammlung von Vampirzähnen verwehrt bleiben. Diesmal wollte Rafael besser vorbereitet sein. Er begann er seine Beobachtung bereits am Tage, im Hafenviertel, dem unangenehmsten und anrüchigsten Stadtteil von Calbayou.

V – Erregung

In einen langen seidigen Umhang gehüllt, lief Sakura durch die Stadt. Es war eine erfolgreiche Nacht gewesen. Das Blut ihrer Opfer hatte ihr genügend Energie gegeben, um sie am Tage wach zu halten. Sie konnte also darauf verzichten, in das finstere Kellergewölbe zu kriechen um vor den neugierigen Blicken anderer versteckt schlafen zu können. Sie klaute sich einen Apfel von einem Marktstand, als der dicke Verkäufer unaufmerksam war, lief hinüber zum Hafenviertel, ihrer bevorzugten Gegend, ließ sich auf einer großen Kiste nieder, die zur Ladung eines der Schiffe gehörte und besah sich das bunte Treiben. Sie mochte den Geruch von Seeluft und Fisch. Seit Jahrhunderten zog es sie immer wieder in Hafenstädte. Vor kurzem war sie mit einem Handelsschiff zurück in ihre Heimat, den Westpazifik, gekommen.

Auf diesem Schiff hatte sie bereits den allein reisenden Spanier bemerkt. Er wollte unauffällig wirken, stach jedoch durch seine Kleidung und seine Art sich zu bewegen, immer hervor. Sie lachte leise in sich hinein. Im Laufe der Monate, die mit der Überseefahrt vorüber gingen, hatte sie sich von Ratten und anderem Ungeziefer ernährt, das im Schiff zu finden war. Sie wollte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Oft hatte sie sich an den Spanier herangeschlichen, der mit seinem langen lockigen Haar und seinen wachen Augen sehr anziehend auf sie wirkte. Sakura brauchte nicht lang, um herauszufinden, dass er auf dem Weg in ihre Heimat war, um ihresgleichen zu vernichten. Er war unaufmerksamer als sie dachte, bemerkte sie kein einziges Mal. Ein Gefangener seiner Aufgabe. Er schien an nichts anderes mehr zu denken, seine Gedanken waren vollkommen mit einem möglichen Erfolg und einer möglichen Niederlage beschäftigt. Anfangs spielte sie mit dem Gedanken, ihn zu verführen, in ihrer menschlichen Gestalt, oder ihn des Nachts in der Gestalt des Flügelwesens zu besuchen um ihm einen Schrecken einzujagen oder sogar sein Blut zu trinken. Auch jetzt grübelte sie immer noch darüber nach, ob es eine gute Idee gewesen wäre, jedoch war sie für solche Spielereien zu alt. Am einfachsten wäre es gewesen, ihn am Tage zu vernichten. Warum nicht einfach seinen Schatten verschlucken? Sie hatte es mit so vielen getan, die ihr auf der Spur waren. Deren Tod hatte sie immer stärker werden lassen. In den hinter ihr liegenden Jahrhunderten hatte unzählbar viele so ihr Ende gefunden. Und das Spiel mit dem menschlichen Schatten bereitete ihr immer noch eine kleine Befriedigung, die leider nur von kurzer Dauer war – aber sie stärkte ihr Bewusstsein über ihre Macht als Aswang. Warum tat sie dies also nicht mit Rafael de la Coruña? Weil er, auf der Suche nach einem Vampir, wie er ihn aus seinen Breitengraden kannte, nicht mit einer Gestaltwandlerin rechnen würde? Nein – sie hatte doch sonst kein Mitleid mit ihren Opfern…

VI – Ernährung

Der junge Mann aus Spanien vernebelte ihre Gedanken. „He, Weib! Runter da!“, brüllte ihr einer der Hafenarbeiter zu. Ärgerlich über die Störung streckte Sakura ihren Arm hervor, bis sie das Leben in seinem Körper spüren konnte. Sie zog mit geistigem Willen an seinen Lebensgeistern. „Ah! Was ist das? Was…“, mehr konnte der Mann nicht mehr herausbringen. Sein Körper verschmolz mit seinem Schatten, der sich immer weiter auf die Vampirin zu bewegte bis er ihre Hand erreichte. Blitzartig nahm sie ihn in sich auf, sog die Energie aus ihm heraus und stöhnte genussvoll auf. Übrig blieb ein kleiner Haufen Staub, dort, wo der Hafenarbeiter eben noch gestanden hatte.

Der Energieschub ermöglichte es ihr, für kurze Zeit ihre Kräfte auszudehnen. Sie ließ ihre Gedanken nach ihm, nach dem schönen Spanier, suchen. Nicht unweit des Hafenviertels entdeckte sie ihn. Scheinbar wollte er sich schon am Tage in die dunkle Hausecke zwängen um hinaus zu spähen. Ja, sein Beobachtungsposten war ihr nicht entgangen. Doch er würde sie auch heute nicht bemerken. Sie beschloss, ihn am nächsten Morgen zu besuchen.

VII – Erstaunen

Wieder hatte Rafael keinen Erfolg gehabt. Er schlurfte zurück zum Gasthaus und begab sich direkt in sein Zimmer. Die Müdigkeit begann ihn zu übermannen und so fiel er auf das Bett und schlief sofort ein. Wieder suchten ihn wirre Träume heim, er sah seinen Herren, voller Wut auf ihn herab sehend, dann sich selbst, eingeschlossen in einem Kerker, seines Schicksals harrend. Unruhig warf er sich hin und her …

… in ihr tobte ein Widerstreit ihrer Gefühle. Der Wunsch, ihn auszusaugen, wurde immer stärker. Doch Sakura wusste, dass sie damit bis zur Abenddämmerung würde warten müssen, um ihre Nachtgestalt annehmen zu können. Da das Verlangen nach ihm und seinem Körper jedoch immer stärker wurde, konnte sie nicht warten. Seinen Schatten wollte sie nicht verschlingen. Sie wollte ihn kosten – und dazu musste er lebendig sein. Sie trat an sein Bett, besah sich den Schlafenden, dem die Qual seines Versagens ins Gesicht geschrieben stand.

Mit einem unterdrückten Schrei erwachte er. Was er sah, verwirrte ihn zusehends. War er von seinem Leiden erlöst worden? War das was er sah, ein Geschöpf der Hölle? Lange lockige Strähnen rubinroten Haares hingen der weiblichen Gestalt über die Schultern. Dunkle Augen, fast schwarz, blitzten ihn aus einem schmalen Gesicht an, ein voller Mund kam dem seinen immer näher … fast wollte er sich wehren, als er ihren Körper so nah an seinem spürte. Es blieb ihm keine Gelegenheit dazu.

VIII – Erblassen

Als Rafael erschöpft die Augen öffnete, sah er das Wesen der Dunkelheit neben ihm sitzend. Er bewunderte ihre morbide Schönheit, doch ihn beschäftigte etwas anderes mehr als das. „Warum“, begann er mit zitternder Stimme, „warum hast du nicht einfach mein Blut genommen? Warum hast du mir Stunden des Glückes geschenkt, wo du doch weißt, dass ich hier bin um dich zu vernichten?“ – sie sah ihn aufmerksam an, dann warf sie den Kopf in den Nacken und lachte. Lachte, und es klang als würde sie nie mehr aufhören. Doch dann wurde sie ernst und antwortete: „Mein Sein ist geprägt von Zerstörung und Tod. Ich bin diejenige, die dieses Leid über die Menschen bringt. Noch nie war ich das Ziel der Vernichtung. Dann kamst du. Was könnte es schöneres geben, als ein Gefährte für mich, der sich in dieser Kunst auskennt und mir gewachsen ist?“ Alle Farbe wich aus Rafaels Gesicht. Nein, er wollte nicht hören, was sie sagte – nein … Doch sie sprach weiter: „Ich habe dich zu einem Geschöpf meiner Art gemacht. Du bist mein. Auf ewig.“
by Chaya 2006,
Gewinnbeitrag des Schreibwettbewerbes “Vampire” bei www.schwarzbunte-geschichten.de

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